Die Protestanten sind in Eichstätt eine Minderheit. Seit Anfang Mai ist Sieghart Schneider neuer Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Kirche in der Bischofsstadt. Ralf Fischer und Dominic René Possoch sprachen mit ihm über zerstrittene Comichelden, zersägte Tische und eine mögliche zukünftige Abendmahlsgemeinschaft.

Herr Schneider haben Sie ein Faible für Asterix und Obelix?
Ja, Asterix und Obelix gefällt mir gut. Vor allem als meine Kinder kleiner waren, habe ich ihre Geschichten gelesen.
Abgesehen von den kriegerischen Assoziationen, könnte man die Lage ihrer Kirche in Eichstätt doch mit dem gallischen Dorf vergleichen: umgeben von einer römischen, katholischen Mehrheit.
(lacht) Warum nicht. Die Proportionen stimmen sicherlich. Die katholische Gemeinde deckt von der Bevölkerung den größten Teil ab. Ob wir aber so ein rebellisches Dorf wie die Gallier sind, das weiß ich nicht.
Wir leben in einer Welt, in der die Grenzen fallen. Wir können durch Europa reisen und mit einem Mausklick stehen wir auf dem Mount Everest. Wieso existiert gerade in der Christenheit noch so ein Lagerdenken?
Zum christlichen Glauben gehört die Vielfalt dazu. Es wird nie einen Einheitsbrei geben. Das ist kein Lagerdenken. Ich glaube, es gibt eine gute und gewachsene Tradition und ich muss von meiner Überzeugung aus leben, was mir am meisten entspricht. Jede Konfession hat einen Teil, der nahe an Jesus Christus dran ist und dann gibt es immer wieder Elemente, die weiter weg von ihm sind.
Wo ist denn die katholische Kirche näher an Christus als die evangelische?
Die katholische Kirche hat den Anspruch, die wahre Kirche zu sein. Die evangelischen Kirchen sind für sie nur christliche Gemeinschaften. Das ist ein sehr hohes Selbstbewusstsein, das praktisch andere Konfessionen abwertet: Wir sind die wahren Christen und die anderen sind defizitär. Ich sage: Alle sind zu erst einmal Glaubende an Jesus Christus. Und in diesem Sinne sind sie nicht defizitär, sondern leben diesen Glauben in unterschiedlichen Formen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Zurück den Galliern. Welche Ökumene muss die evangelische Kirche zuerst regeln: Die mit den Römern, oder die im eigenen Dorf? Die Beziehung zwischen Fischhändler Verleihnix und Schmied Automatix ist nicht konfliktfrei, ebenso wie zwischen der evangelischen Landeskirche und den Freikirchen.
Zur Ökumene gehört auch die inner-evangelische Ökumene. Sie beweist, dass es unterschiedliche Zugänge zu dem einen Evangelium gibt und dass man unterschiedliche Konsequenzen aus diesem Zugang zieht. Die Landeskirche muss es ernst nehmen, wenn Vertreter der Freikirchen das sichtbare Gemeindeleben kritisieren.
Zum Beispiel?
Gehen wir von einem ganz gewöhnlichen Gemeindeglied aus. Vertreter der Freikirchen kritisieren: Es wird getauft, geht in den Religionsunterricht, wird konfirmiert und dann taucht es ab und ihr seht es erst wieder bei der Beerdigung. Ist das wirklich Nachfolge Christi, so wie es in der Bibel steht? Wir müssen uns diese Frage gefallen lassen. Für mich ist das ein Signal, dass wir ein Defizit haben. Wir wollen auf der einen Seite, dass jeder seinen Glauben in einer individuellen Freiheit leben kann. Die negative Seite dieser Freiheit ist, dass Menschen in Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit fallen können
Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, hat in einem Interview gesagt, der evangelische Kirche gehe es um Anerkennung. Die katholische Kirche wolle aber Einheit. Kann diese Einheit erst funktionieren wenn die katholische Kirche die evangelische anerkennt?
Die Einheit besteht im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus. Es gibt aber eine hierarchische Uneinigkeit. Für die römisch-katholische Kirche besteht Einheit darin, dass an der Spitze der Papst steht, dann die Bischöfe, dann die Priester und am Schluss das Gottesvolk kommt. Die protestantische Sicht ist: Ich stehe direkt vor Gott. Und wenn ich direkt vor Gott stehe, habe ich eine Gemeinschaft mit den katholischen Christen, die meiner Ansicht nach auch direkt vor Gott stehen und ihren Glauben in direkter Verantwortung vor ihm leben müssen.
Können Sie die Kritik von Reinhard Marx nachvollziehen?
Der evangelischen Kirche geht es um ein Leben in versöhnter Verschiedenheit. Wir laden auch gastweise Mitglieder der jeweils anderen Konfession zum Abendmahl ein. Die römisch-katholische Kirche versteht unter Einheit etwas anderes. Traditionell gesagt versteht sie darunter, dass ich unter dem Primat des Papstes Mitglied in einer Organisation bin und diese Organisation die Einheit darstellt. Und das können Protestanten so nicht mittragen. Deshalb kann Ökumene für Protestanten auch nicht bedeuten, wir kehren zurück in den Schoß der römisch-katholischen Kirche und sagen: Es ist ja alles so in Ordnung.
Bedarf es für die Ökumene einer Revolution von unten oder von oben?
In den dogmatischen Entscheidungen wird es nur mit der Revolution von Oben gehen. Nur Kirche ist ja kein abstraktes Dogmatikum, sondern sie besteht aus lebendigen Menschen. Und da funktioniert Ökumene.
Ketzerisch gefragt: Wird es einmal eine ökumenische Kirche geben?
Es gibt die verfasste Kirche und es gibt die geglaubte Kirche. Und die ökumenische geglaubte Kirche, die gibt es bereits. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir jedes mal: Ich glaube an den heiligen Geist, die heilige, weltumspannende, christliche(=katholische) Kirche.
Die einen beten aber „katholische Kirche“.
Ja, „katholisch“ (im wörtlichen Sinne von griech. katholikos “allumfassend” Anmerkung der Redaktion) steht dafür, dass der Glaube nicht nur auf eine Nation oder Rasse begrenzt ist, sondern dass es überall auf der Welt Christen gibt, die miteinander verbunden sind. Ich glaube nicht, dass es einmal eine gemeinsame institutionell verfasste Kirche geben wird. Dazu sind die Menschen zu unterschiedlich. Hier in meinem Arbeitszimmer sehen Sie an der Wand ein Bild von Sieger Köder, einem katholischen Priester. Es zeigt die Eucharistie, das Abendmahl Jesu Christi. Darin sind wir miteinander verbunden.
Wie meinen Sie das?
An diesem Tisch schenkt sich Jesus selbst und uns Gemeinschaft. Katholiken, Orthodoxe und Protestanten sind jederzeit herzlich willkommen. Und Christus sagt: Du bist mir wertvoll! Schön, dass du da bist! Die Konfession spielt dabei keine Rolle.
Dieser Tisch wurde aber zersägt und jede Kirche hat ein Tischbein ergattert.
Das ist das traurige dran. Aber das hat Jesus nie gewollt. Der Theologe Fulbert Steffensky hat deshalb gefordert, dass Christen verschiedener Konfessionen am jeweils anderen Abendmahl teilnehmen sollen. Die Priester wissen ja sowieso nicht, ob du katholisch oder evangelisch bist. Also praktiziere Abendmahlsgemeinschaft und warte nicht, bis sie kirchenpolitisch genehmigt worden ist.
Also doch die Revolution von unten.
Es wird immer nur dann Veränderung in der Kirche geben, wenn viele Menschen sagen: An diesem Punkt entspricht das, was wir tun, nicht dem Evangelium. Wir müssen es verändern!
Herr Schneider, vielen Dank für das Gespräch.